SUE HAYWARD

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Bereitschaft zur wahren Begegnung

Sue Hayward im Georg Scholz-Haus Waldkirch
Vernissage-Rede von Stefan Tolksdorf

Gute Kunst, ist immer auch Option für das Mögliche.
Die Möglichkeit einer anderen, womöglich tieferen Wahrheit.
Eines Möglichkeitssinns, der, was sich uns als vermeintliche Realität aufdrängt, ein Stück weit hinter sich lässt.
Die Mittel hierzu sind rasch benannt: ein Moment der Verunsicherung, der Verblüffung, der Irritation.
Mitunter auch eine grundsätzliche Ambivalenz.
Die Australierin Sue Hayward beherrscht perfekt diese Sprache des Möglichen, der – verzeihen Sie das Paradox – „Konkretion des Ungefähren“.
Worin aber besteht in ihren Bildern und Skulpturen das Element der Verblüffung?
Präsentiert sie uns auf den ersten Blick doch hinlänglich Bekanntes.
Die vertrauten Genres der Kunstgeschichte: Portrait, Akt- die menschliche Figur.
Es ist zuvorderst ein formaler Aspekt.
Volumen entsteht in der Malerei zumeist durch Licht und Schatten, Räumlichkeit ist auf der Leinwand seit der Renaissance meist nur ein perspektivisches Problem.
Bei Hayward entsteht Raumtiefe unmittelbar, das heißt:
Dreidimensionalität wird nicht illusionistisch behauptet, sondern plastisch realisiert – mittels eines doppelten Bodens und von der Leinwand unterlegter, bemalter Polyester-Gaze.
Der Malgrund wird an unerwarteten Stellen – meist sind es die Verletzlichen: unverhüllte Haut – förmlich aufgebrochen.
Spontan kommt vielleicht Lucio Fontana in den Sinn.
Seine Schnitte in der Leinwand, die Öffnung des Bildes gegen ein wie auch immer geartete „Dahinter“ sollte hingegen den Raum selbst akzentuieren – als „ sich frei entfaltendes, unbegrenztes Kontinuum“
Hayward hingegen geht es um die Dimension des Menschlichen.
Durch ihre bildimmanente gleichsam körperliche Raumöffnung verziert sie einen Trompe l’œl-haften 3-D-Effekt eine optische Verschiebung. Was steht uns direkt vor Augen, was ist auf die zweite Ebene gemalt? Und was ist nur der Schatten der Binnenzeichnung an der Wand?
Nichts wird hier verschleiert, nichts nur angedeutet.
Alles liegt offen vor uns und scheint doch, entsprechend des Betrachterstandorts, auf der Netzhaut zu changieren – mitunter in schwebender Lebendigkeit und zumeist im Kontrast zu der matt schimmernden Materialität der Farbe.
Sue Hayward verwendet eine halbflüssige Malbutter genannte Masse aus in Bienenwachs gelösten Pigmenten, die sie nicht mit dem Pinsel, sondern mit dem Spachtel aufträgt – in bis zu 20 Schichten. Ein langwieriges Verfahren.
Die Figuren und Gesichter scheinen aus dieser geradezu handgreiflichen, mit den Augen ertastbaren Farbdimension auf uns zu zu kommen, oder sich – im Gegenteil – zu entfernen.
Trotz unbestreitbarem Déjà-vue-Effekt sind sie von größtmöglicher Verhaltenheit.
Schauen Sie uns an, oder doch eher durch uns hindurch?
Müssen wir uns von Ihnen beobachtet fühlen?
Mitnichten. Haywards Typen bleiben ganz für sich: Introvertiert, entrückt, verträumt oder in skeptischer Distanz.
Es ist der Moment der ersten Begegnung, der eben nicht zu wachsender Vertrautheit führt.
Diese grundsätzliche Befremdung ist nicht nur gewollt, sie erscheint für Haywards Kunst geradezu konstitutiv:
Eine kreative Ambivalenz.
Obwohl zahlreichen Figuren Portraits von Freunden und Bekannten zugrunde liegen, dominiert doch das Archetypisch über das Persönliche, das Allgemeine über das Spezielle.
Haywards Personen sind buchstäblich Bewohner einer eigenen Dimension.
So entziehen sie sich zum einen der Gefahr der Banalisierung, zum anderen haben wir es mit einer Absage an das klassische Portrait zu tun, das ja zunächst den sozialen Stand, später die individuelle Seelentiefe auslotete.
Zwar gibt es auch hier eindeutige Attribute – die Gitarre weist etwa einen befreundeten Musiker aus -, wirklich nahe aber kommen wir der Psyche und der Rolle der Dargestellten nicht.
Es geht scheinbar um eine andere, weniger fassbare Dimensionen des Menschlichen – die Tierpartnerschaft macht dies offenbar. Fliegende Tiere erscheinen in Haywards Bildern und den Skulpturen aus Bronze, Gips oder Wachs die Funktion von Seelenbegleitern und Totemtieren zu haben, sie betonen einen mythischen Aspekt, der sich wie ein roter Faden durch das Werk zieht.
Da hockt – was in der Natur eher selten vorkommt – ein Schwan auf einem Männerkopf, scheint ihm einen Laut abzulauschen oder ihn eben damit zu beschenken. Ein „Schwanengesang“?
Das Porträt jedenfalls ist das eines verstorbenen Freundes.
Der Tod ist mittelbar im Bild.
Da hockt ein Ibis – natürlich ein australischer – auf dem Rücken einer Frau in Devotionshaltung: Der Kopf auf den Boden gestützt, beide Hände flach aufliegend.
Beinahe ein Andachtsbild, zumal der Ibis im alten Ägypten als Heiliger Vogel galt, Emblem des Heil- und Schriftgottes Thot . Der Ibisköpfige fungierte auch als Protokollant beim Totengericht. Was für ein Wissen, was für ein Geheimnis deutet sich hier an? Wir müssen nichts Näheres darüber wissen, noch den etwaigen biographischen Anlass des Werkes kennen.
Es reicht die Vermutung seiner Existenz.
Die Augen der Frau an der Wand gegenüber ziehen uns an und bannen zugleich.
Eine unbekannte Magna Mater der Fische?
Hände, die nach dem Umriss eines Papageien oder eines Flughunds greifen – oder sie viel eher in die Freiheit entlassen.
Langen sie nach einer Sehnsucht?
Nach letzter Integrität, der so oft beschworenen Traum vom Einklang zwischen Mensch und Natur?
Geflügelte haben in Kunst und Religion meist transzendierende oder verbindende Funktion, als Seelenboten und Garanten eines Höheren – denken wir etwa an die Taube.
Vergessen wir aber auch nicht, dass die Künstlerin aus einem Kontinent stammt, in dem die Natur – insbesondere das tausendstimmige Vogelkonzert am Morgen viel präsenter ist, als in unseren Breiten.
So gesehen, bedeutet das Tier – wenn auch kein Emu oder Känguru – stets auch eine reelle Verbindung zu den persönlichen Wurzeln.
Sue Hayward beschäftigt sich intensiv mit den Grenzbereichen der Quantenphysik beschäftigt, jenen Sphären in denen die Gesetzte der Kausalität ausser Kraft treten, in denen sich ein Teilchen an verschieden Orten aufhält , weil es eben zugleich auch Welle ist. Es scheint, die Künstlerin fühlt sich in der Welt von Alice und Sophie mitunter wohler, als in der des Namensgebers dieses Hauses.
„Neue Sachlichkeit“ scheint von ihrer Bildwelt Lichtjahre entfernt. Im Grenzbereich zum magischen Realismus kommen aber durchaus vergleichbare Blickverschiebungen vor.Unübersehbar bleiben bei alldem die offensichtlichen Anleihen an die Kunstgeschichte: Haywards Figuren erinnern in ihrer beinahe körperlosen Präsenz an die Fresken der Frührenaissance, ihre Haltung verweist auf Bildwerke des Klassizismus und Symbolismus.
Wir haben es also auch – jenseits von jeder Ironie – mit einem Spiel kunsthistorischer Reminiszenzen zu tun.
Was ist aber, über den handwerklichen Aspekt hinaus, das Verbindende?
In sämtlichen dieser Arbeiten geht es um Verletztlichkeit, Berührbarkeit, die Wahrung der körperlichen Grenzen, der sensibelsten – unserer Haut.
Wenn uns etwas unter die Haut geht, sind wir berührbar, verletzlich, empfänglich auch für Botschaften des „Anderen“ – wie immer man es auch definiert: als soziales Gegenüber oder transzendenten „Zuruf“.
Dünnhäutigkeit steht für Sensibiltät.
Berührbarkeit, Achtung der Grenzen des anderen, Zartheit Sensitivität – mit Gewissheit dürfen wir annehmen,
dass Sue Hayward mit ihren Arbeiten nicht zuletzt auch dafür optiert.
Ihre Bilder wecken Bereitschaft – zur echten Begegnung!