{"id":168,"date":"2018-01-20T13:36:34","date_gmt":"2018-01-20T13:36:34","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.suehayward.de\/?page_id=168"},"modified":"2018-01-20T13:36:59","modified_gmt":"2018-01-20T13:36:59","slug":"a-willingness-for-true-encounters","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/suehayward.de\/en\/press-and-texts\/a-willingness-for-true-encounters\/","title":{"rendered":"A Willingness for True Encounters"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>Bereitschaft zur wahren Begegnung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Sue Hayward im Georg Scholz-Haus Waldkirch<br \/>\nVernissage-Rede von Stefan Tolksdorf<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gute Kunst, ist immer auch Option f\u00fcr das M\u00f6gliche.<br \/>\nDie M\u00f6glichkeit einer anderen, wom\u00f6glich tieferen Wahrheit.<br \/>\nEines M\u00f6glichkeitssinns, der, was sich uns als vermeintliche Realit\u00e4t aufdr\u00e4ngt, ein St\u00fcck weit hinter sich l\u00e4sst.<br \/>\nDie Mittel hierzu sind rasch benannt: ein Moment der Verunsicherung, der Verbl\u00fcffung, der Irritation.<br \/>\nMitunter auch eine grunds\u00e4tzliche Ambivalenz.<br \/>\nDie Australierin Sue Hayward beherrscht perfekt diese Sprache des M\u00f6glichen, der &#8211; verzeihen Sie das Paradox &#8211; &#8220;Konkretion des Ungef\u00e4hren&#8221;.<br \/>\nWorin aber besteht in ihren Bildern und Skulpturen das Element der Verbl\u00fcffung?<br \/>\nPr\u00e4sentiert sie uns auf den ersten Blick doch hinl\u00e4nglich Bekanntes.<br \/>\nDie vertrauten Genres der Kunstgeschichte: Portrait, Akt- die menschliche Figur.<br \/>\nEs ist zuvorderst ein formaler Aspekt.<br \/>\nVolumen entsteht in der Malerei zumeist durch Licht und Schatten, R\u00e4umlichkeit ist auf der Leinwand seit der Renaissance meist nur ein perspektivisches Problem.<br \/>\nBei Hayward entsteht Raumtiefe unmittelbar, das hei\u00dft:<br \/>\nDreidimensionalit\u00e4t wird nicht illusionistisch behauptet, sondern plastisch realisiert &#8211; mittels eines doppelten Bodens und von der Leinwand unterlegter, bemalter Polyester-Gaze.<br \/>\nDer Malgrund wird an unerwarteten Stellen &#8211; meist sind es die Verletzlichen: unverh\u00fcllte Haut &#8211; f\u00f6rmlich aufgebrochen.<br \/>\nSpontan kommt vielleicht Lucio Fontana in den Sinn.<br \/>\nSeine Schnitte in der Leinwand, die \u00d6ffnung des Bildes gegen ein wie auch immer geartete &#8220;Dahinter&#8221; sollte hingegen den Raum selbst akzentuieren &#8211; als \u201e sich frei entfaltendes, unbegrenztes Kontinuum\u201c<br \/>\nHayward hingegen geht es um die Dimension des Menschlichen.<br \/>\nDurch ihre bildimmanente gleichsam k\u00f6rperliche Raum\u00f6ffnung verziert sie einen Trompe l&#8217;\u0153l-haften 3-D-Effekt eine optische Verschiebung. Was steht uns direkt vor Augen, was ist auf die zweite Ebene gemalt? Und was ist nur der Schatten der Binnenzeichnung an der Wand?<br \/>\nNichts wird hier verschleiert, nichts nur angedeutet.<br \/>\nAlles liegt offen vor uns und scheint doch, entsprechend des Betrachterstandorts, auf der Netzhaut zu changieren &#8211; mitunter in schwebender Lebendigkeit und zumeist im Kontrast zu der matt schimmernden Materialit\u00e4t der Farbe.<br \/>\nSue Hayward verwendet eine halbfl\u00fcssige Malbutter genannte Masse aus in Bienenwachs gel\u00f6sten Pigmenten, die sie nicht mit dem Pinsel, sondern mit dem Spachtel auftr\u00e4gt &#8211; in bis zu 20 Schichten. Ein langwieriges Verfahren.<br \/>\nDie Figuren und Gesichter scheinen aus dieser geradezu handgreiflichen, mit den Augen ertastbaren Farbdimension auf uns zu zu kommen, oder sich &#8211; im Gegenteil &#8211; zu entfernen.<br \/>\nTrotz unbestreitbarem D\u00e9j\u00e0-vue-Effekt sind sie von gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Verhaltenheit.<br \/>\nSchauen Sie uns an, oder doch eher durch uns hindurch?<br \/>\nM\u00fcssen wir uns von Ihnen beobachtet f\u00fchlen?<br \/>\nMitnichten. Haywards Typen bleiben ganz f\u00fcr sich: Introvertiert, entr\u00fcckt, vertr\u00e4umt oder in skeptischer Distanz.<br \/>\nEs ist der Moment der ersten Begegnung, der eben nicht zu wachsender Vertrautheit f\u00fchrt.<br \/>\nDiese grunds\u00e4tzliche Befremdung ist nicht nur gewollt, sie erscheint f\u00fcr Haywards Kunst geradezu konstitutiv:<br \/>\nEine kreative Ambivalenz.<br \/>\nObwohl zahlreichen Figuren Portraits von Freunden und Bekannten zugrunde liegen, dominiert doch das Archetypisch \u00fcber das Pers\u00f6nliche, das Allgemeine \u00fcber das Spezielle.<br \/>\nHaywards Personen sind buchst\u00e4blich Bewohner einer eigenen Dimension.<br \/>\nSo entziehen sie sich zum einen der Gefahr der Banalisierung, zum anderen haben wir es mit einer Absage an das klassische Portrait zu tun, das ja zun\u00e4chst den sozialen Stand, sp\u00e4ter die individuelle Seelentiefe auslotete.<br \/>\nZwar gibt es auch hier eindeutige Attribute &#8211; die Gitarre weist etwa einen befreundeten Musiker aus -, wirklich nahe aber kommen wir der Psyche und der Rolle der Dargestellten nicht.<br \/>\nEs geht scheinbar um eine andere, weniger fassbare Dimensionen des Menschlichen &#8211; die Tierpartnerschaft macht dies offenbar. Fliegende Tiere erscheinen in Haywards Bildern und den Skulpturen aus Bronze, Gips oder Wachs die Funktion von Seelenbegleitern und Totemtieren zu haben, sie betonen einen mythischen Aspekt, der sich wie ein roter Faden durch das Werk zieht.<br \/>\nDa hockt &#8211; was in der Natur eher selten vorkommt &#8211; ein Schwan auf einem M\u00e4nnerkopf, scheint ihm einen Laut abzulauschen oder ihn eben damit zu beschenken. Ein &#8220;Schwanengesang&#8221;?<br \/>\nDas Portr\u00e4t jedenfalls ist das eines verstorbenen Freundes.<br \/>\nDer Tod ist mittelbar im Bild.<br \/>\nDa hockt ein Ibis &#8211; nat\u00fcrlich ein australischer &#8211; auf dem R\u00fccken einer Frau in Devotionshaltung: Der Kopf auf den Boden gest\u00fctzt, beide H\u00e4nde flach aufliegend.<br \/>\nBeinahe ein Andachtsbild, zumal der Ibis im alten \u00c4gypten als Heiliger Vogel galt, Emblem des Heil- und Schriftgottes Thot . Der Ibisk\u00f6pfige fungierte auch als Protokollant beim Totengericht. Was f\u00fcr ein Wissen, was f\u00fcr ein Geheimnis deutet sich hier an? Wir m\u00fcssen nichts N\u00e4heres dar\u00fcber wissen, noch den etwaigen biographischen Anlass des Werkes kennen.<br \/>\nEs reicht die Vermutung seiner Existenz.<br \/>\nDie Augen der Frau an der Wand gegen\u00fcber ziehen uns an und bannen zugleich.<br \/>\nEine unbekannte Magna Mater der Fische?<br \/>\nH\u00e4nde, die nach dem Umriss eines Papageien oder eines Flughunds greifen &#8211; oder sie viel eher in die Freiheit entlassen.<br \/>\nLangen sie nach einer Sehnsucht?<br \/>\nNach letzter Integrit\u00e4t, der so oft beschworenen Traum vom Einklang zwischen Mensch und Natur?<br \/>\nGefl\u00fcgelte haben in Kunst und Religion meist transzendierende oder verbindende Funktion, als Seelenboten und Garanten eines H\u00f6heren &#8211; denken wir etwa an die Taube.<br \/>\nVergessen wir aber auch nicht, dass die K\u00fcnstlerin aus einem Kontinent stammt, in dem die Natur &#8211; insbesondere das tausendstimmige Vogelkonzert am Morgen viel pr\u00e4senter ist, als in unseren Breiten.<br \/>\nSo gesehen, bedeutet das Tier &#8211; wenn auch kein Emu oder K\u00e4nguru &#8211; stets auch eine reelle Verbindung zu den pers\u00f6nlichen Wurzeln.<br \/>\nSue Hayward besch\u00e4ftigt sich intensiv mit den Grenzbereichen der Quantenphysik besch\u00e4ftigt, jenen Sph\u00e4ren in denen die Gesetzte der Kausalit\u00e4t ausser Kraft treten, in denen sich ein Teilchen an verschieden Orten aufh\u00e4lt , weil es eben zugleich auch Welle ist. Es scheint, die K\u00fcnstlerin f\u00fchlt sich in der Welt von Alice und Sophie mitunter wohler, als in der des Namensgebers dieses Hauses.<br \/>\n&#8220;Neue Sachlichkeit&#8221; scheint von ihrer Bildwelt Lichtjahre entfernt. Im Grenzbereich zum magischen Realismus kommen aber durchaus vergleichbare Blickverschiebungen vor.Un\u00fcbersehbar bleiben bei alldem die offensichtlichen Anleihen an die Kunstgeschichte: Haywards Figuren erinnern in ihrer beinahe k\u00f6rperlosen Pr\u00e4senz an die Fresken der Fr\u00fchrenaissance, ihre Haltung verweist auf Bildwerke des Klassizismus und Symbolismus.<br \/>\nWir haben es also auch &#8211; jenseits von jeder Ironie &#8211; mit einem Spiel kunsthistorischer Reminiszenzen zu tun.<br \/>\nWas ist aber, \u00fcber den handwerklichen Aspekt hinaus, das Verbindende?<br \/>\nIn s\u00e4mtlichen dieser Arbeiten geht es um Verletztlichkeit, Ber\u00fchrbarkeit, die Wahrung der k\u00f6rperlichen Grenzen, der sensibelsten &#8211; unserer Haut.<br \/>\nWenn uns etwas unter die Haut geht, sind wir ber\u00fchrbar, verletzlich, empf\u00e4nglich auch f\u00fcr Botschaften des &#8220;Anderen&#8221; &#8211; wie immer man es auch definiert: als soziales Gegen\u00fcber oder transzendenten &#8220;Zuruf&#8221;.<br \/>\nD\u00fcnnh\u00e4utigkeit steht f\u00fcr Sensibilt\u00e4t.<br \/>\nBer\u00fchrbarkeit, Achtung der Grenzen des anderen, Zartheit Sensitivit\u00e4t &#8211; mit Gewissheit d\u00fcrfen wir annehmen,<br \/>\ndass Sue Hayward mit ihren Arbeiten nicht zuletzt auch daf\u00fcr optiert.<br \/>\nIhre Bilder wecken Bereitschaft &#8211; zur echten Begegnung!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bereitschaft zur wahren Begegnung Sue Hayward im Georg Scholz-Haus Waldkirch Vernissage-Rede von Stefan Tolksdorf Gute Kunst, ist immer auch Option f\u00fcr das M\u00f6gliche. 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